Tagung

EAIR-Tagung in Warschau

Vom 28. bis 31. August 2011 war ich auf der EAIR-Jahrestagung in Warschau, die ich zusammen mit zwei Kolleginnen besucht habe. Schon während der langen Bahnfahrt konnten wir viele Stunden gemeinsam diskutieren. Hier finden sich einige Zusammenfassungen von Tagungsbeiträgen.

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Die drei Flensburger

Die Tagung fand in der Warschauer Wirtschaftshochschule statt, die teilweise sehr modern eingerichtet war. Ich hatte zur Tagung ein Poster eingereicht und durfte dieses in einem 7-Minuten-Vortrag präsentieren. Die Tagungsorganisatoren hatten erstmals auch eine Poster-Session angeboten und der für diese Poster-Session Verantwortliche erklärte mir darüber hinaus, dass er selber noch nie an einer Poster-Session teilgenommen habe. Entsprechend ungünstig war sie auch organisiert: Die Vorstellung der Poster fand in einem anderen Raum statt als dem, in dem die Poster hingen. Und die Poster hingen leider nicht im 1. Stock der Wirtschaftshochschule, wo die Kaffeepausen stattfanden und das Mittagessen eingenommen wurde, sondern weit davon entfernt im 3. Stock des Gebäudes. Meine 7-Minuten-Präsentation ist mir, so glaube ich, gut gelungen. Wissen kann ich das aber nicht, denn das Programm erlaubte keine Rückfragen und in der 30-Minuten-Session mussten 4 Poster vorgestellt werden. Das war also etwas ungünstig. Ich hatte aber, um bei Small-Talk-Gelegenheiten auf meine Doktorarbeit verweisen zu können, auch noch einige Ausdrucke meines Posters mitgebracht und suchte diese in Gesprächen unterzubringen. Besonders ergiebig war auch das nicht, denn die Tagung wurde zu gut der Hälfte von Praktikern besucht und nicht von Forschern. So sprach ich einmal mit einem Norweger, der mir erzählte, dass sein Bildungsministerium, bei dem er seit kurzem arbeite, traditionell mit den neuen Beschäftigten diese Tagung besuchen. Mit Hochschulen hatte er selber erst seit 6  Wochen etwas zu tun.

Ich habe einige interessante Vorträge besucht, von denen ich hier einige skizzieren möchte:

Lee Hurrell (UK) berichtete von einem Austauschprogramm ihrer Hochschule, das sich an widening participation-Studierende richtet. Diese hätten Arbeitserfahrung, kein Abitur und seien durchweg Frauen zwischen 30 und 40 Jahren. Sie müssten ihr Studium alle selber durch Nebenjobs finanzieren, seien familiär stark eingebunden und meist noch nie im Ausland gewesen. Hurrell konkretisierte, dass die Teilnehmerinnen alle schon mehrfach irgendwelche günstigen Pauschalreise in Urlaubsregionen gemacht hätten, bei diesen „Club-Urlauben“ aber nie mit Einheimischen in Kontakt gekommen seien.  Vor dem nur 2-wöchigem Auslandsaufenthalt in einer der Heimatregion vergleichbaren ländlichen Region Italiens hätten die Teilnehmerinnen einen 4 Monate dauernden Sprachkurs besucht. Der Auslandsaufenthalt wurde dann über ein Stipendium finanziert. Ziele, die mit dem Austauschprogramm verbunden sind, seien: Das konzentrierte Zuhören zu üben und die Kritik- und Reflektionsfähigkeit zu schulen. Gleichzeitig verspreche man sich davon, die Bildungsaspiration der Teilnehmerinnen weiter zu steigern. Die Studierenden mussten während ihres Aufenthaltes ein Tagebuch führen und im Anschluss eine Präsentation halten. Hurrell analysiert beide Dokumentarten nun mit einem qualitativ-interpretativen Ansatz.

Linda Cox Magure (USA) hielt einen Vortrag, der mich vom Titel her an einen anderen, einmal in Bielefeld gehörten Vortrag, erinnerte. Linda und ihre Kollegin stellten den us-amerikanischen Studierendenmarkt vor und das Potenzial, das dieser für europäische Hochschulen biete. Sie erläuterte, wie viel Geld diese "Konsumenten" gewohnt seien für ihren Abschluss auszugeben und wie attraktiv sie die unterschiedlichen europäischen Länder finden. Deutschland, so argumentierten sie, sei besonders beliebt und es könnte für deutsche Hochschulen durchaus finanziell lukrativ sein, sich auf diese - allerdings guten Service verlangende - Zielgruppe einzustellen. Insbesondere Amerikanerinnen mit asiatischem Migrationshintergrund hätten eine hohe Mobilitätsbereitschaft und würden derzeitig noch an den guten amerikanischen Privatuniversitäten studieren. Die beiden Beraterinnen führten weiterhin aus, dass bei einer Studierentscheidung keinesfalls die akademischen, sondern die "Nebenvorteile", ausschlaggebend seien. Kurze Flugverbindungen zu anderen europäischen Hauptstädten gehörten ebenfalls zu den Vorteilen, die ein Hochschulstandort für Amerikanerinnen bieten müsse. Um diese Zielgruppe zu gewinnen, müsse man gute Services anbieten, auf der Website klar kommunizieren, welche Kosten entstünden (meist würden Studierende die Kosten für einen Flug und Mieten viel zu hoch einschätzen) und möglichst hohe Studiengebühren verlangen. Die hohen Studiengebühren würden als Qualitätsmaßstab wahrgenommen werden. Allerdings sollten gleichzeitig für fast alle Gäste Stipendien ermöglicht werden, damit sie den Eindruck eines günstigen Geschäfts gewännen. Erreichen würde man diese Zielgruppe über Facebook und Youtube. Die Hochschulwebsite und die Broschüren sollten allerdings gerade die Eltern der Studieninteressenten im Blick haben. Denn die würden letztlich entscheiden. Vier andere, allerdings nicht europäische Tagungsteilnehmer, haben außer mir diesen irgendwie sehr unterhaltsamen Vortrag gehört.

Turo Virtanen (FI) hinterfragte in seinem Vortrag den internationalen Trend, möglichst viele exzellente Forscher auf einem Fleck zu versammeln und dadurch einen Automatismus zu erzeugen, der zu guten Forschungsergebnissen führe. Er argumentierte, dass es eine Fehlannahme sei, die Menge der Forscher maximieren zu können und so maximale Forschungsergebnisse zu erhalten. Zwar müsse bspw. experimentelle Forschung sicher viele Forscher zusammenbringen, aber bspw. gerade Theoretiker würden auch gerne Phasen haben, in denen sie völlig alleine arbeiteten. Und auch die Forschungsanlässe seien sehr unterschiedlich: Grundlagenforschung, angewandte Forschung, third mission-Forschung, Entwicklung etc. Für jede Disziplin und jeden Forschungsanlass gebe es eine optimale Größe. Die Größe einer Gruppe habe den entscheidenden Einfluss auf die in ihr mögliche Kommunikation, die Virtanen zufolge eine gewisse Privatsphäre brauche. Werde eine Gruppe zu groß, so zerfalle sie in Subgruppen. Grundsätzlich seien die in Forschungsmittelanträgen genannten Gruppen immer deutlich größer als jene Gruppen, die schließlich miteinander arbeiten würde. Und auch die Zusammensetzung einer Gruppe über den Zeitverlauf sei wichtig: So würden Mitglieder, die schon länger in der Gruppe sind, einen hohen Beitrag leisten, aber die ehemals neuen würden diesen auch irgendwann erbringen.

Die Vortragsform einer Gruppendiskussion habe ich auf dieser Tagung erstmals miterlebt. In der Diskussion ging es um den gesellschaftlichen Impact, den Forschung in den Geisteswissenschaften und in der Kunst verursache und die Frage, wie man diesen Impact messen könne. Geführt wurde die Diskussion von Paul Benneworth. Eingeleitet wurde mit dem Hinweis, dass aus den Geisteswissenschaften selten spin offs entstünden und es folglich schwer sei der Politik gegenüber auf etwas Konkretes verweisen zu können. Die Diskussionsteilnehmer waren der Meinung, dass Geisteswissenschaften meistens in unerwarteten Momenten ihren Nutzen für die Gesellschaft zeigen, wenn bspw. in einem Land ein Umsturz geschieht und man verstehen möchte, was dort vor sich geht. Barbara Kehm berichtete aus einem Projekt, in dem die Fächer Biochemie und mittelalterliche Geschichte in ihrem gesellschaftlichen Impact verglichen wurden und wo sich zeigte, dass die Biochemiker meistens Grundlagenforschung machten und die Geschichtswissenschaftler "Mode 2 machten", also bspw. mit Museen zusammenarbeiteten. Museen seien, wie alle Kulturangebote, wichtig für den Tourismus und hätten so einen ökonomischen Impact.  Ein Kunstprofessor beklagte, dass Publikationen gezählt würden – Ausstellungen, Performances und Konzerte aber nicht. Dem gegenüber wurde der Einwand gebracht, dass, wenn man denn die Fächer in ihrer Publikationshäufigkeit vergleichen wolle – was eigentlich nicht angebracht sei – dann fiele auf, dass sich die Geisteswissenschaften im Allgemeinen in ihrer Publikationshäufigkeit gar nicht von den bspw. Naturwissenschaften unterscheiden würden. Ein, wie ich meine, eher machtthoretischer Erklärungsansatz eines Teilnehmers urteilte, dass technische Erfindungen und die Gewinne aus ihnen über Patente privatisiert werden könnten, bei Gesellschaftswissenschaften seien Forschungsergebnisse aber kaum zu privatisieren, folglich stände auch niemand auf um Lobbying zu seinem persönlichen Nutzen zu betreiben. Eine Diskutantin wies die Geisteswissenschaftler auf deren bequeme Situation hin, dass sie meist relativ wenige Gelder bräuchten, ihre Forschung sich daher oftmals aus dem Grundhaushalt der Hochschulen finanzieren ließe und sie somit ihre Fragestellungen nicht an irgendwelche Drittmittelvorgaben anpassen müssten, sie also letztlich deutlich freier seien als die Naturwissenschaften.

Fazit: Eine Tagung, an der zu einem Großteil Praktiker teilnehmen, bleibt, so musste ich feststellen, bei inhaltlichen Diskussionen eher an der Oberfläche als eine Tagung, an der nur Forscher teilnehmen.

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Dr. Veit Larmann
info (bei) veit-larmann.de

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