Peer Pasternack

Die Hochschulen der Zukunft

Notizen zum Impulsreferat bei der Abschlussveranstaltung der Böll-Campustour im Juni 2009.

Pasternack gibt einen Überblick über die Leitbilder, die die Reformdebatte um Hochschulen in den ungefähr letzten 30 Jahren dominierten. Er gruppiert die Leitbilder eher inhaltlich als chronologisch.

- Das Bild der demokratisierenden Hochschule: Hierzu gehört die Diskussion um (a) die Gruppenuniversität, um (b) die geschlechtergerechte Universität und auch um (c) die "Hochschule als Lernort", die den Perspektivwechsel von der Hochschule als Ort des Lehrens hin zu einem Ort des Lernens betont.

- Das Bild der zivilisierenden Hochschule: Hierunter fallen die Betonung von (a) der gesellschaftlichen Verantwortung, das Bild der (b) kritischen Wissenschaften und (c) das Bild der Hochschule in der Region.

- Die analytische Hochschulperspektive: Hierunter verbucht er (a) die Wahrnehmung der Hochschule als organisierte Anarchie und (b) die Hochschule als Expertenorganisation, so wie auch bspw. ein Krankenhaus eine Expertenorganisation sei.

- Die ökonomisierende Perspektive zergliedere sich in die Perspektive der (a) Hochschule als Standortfaktor, in die Perspektive der Wissenschaft als Produktivkraft - was, so Pasternack, trotz aller de-ökonomisierender Versuche des Regimes, das vorherrschende Bild in der DDR gewesen sei, (b) in die unternehmerische Hochschule, (c) in die Hochschule als Dienstleister, (d) in die Hochschule im Wettbewerb und (e) in die Exzellenzuniversität.

- Dann gebe es noch die futurisierenden Bilder (a) der virtuellen Universität und (b) der Mode II Universität, bei der es unter anderem um spontane Netzwerkbildung gehe. Die Mode II - Perspektive könne er, so meinte Pasternack, hier nicht in aller Ausführlichkeit darstellen.

- Letztlich gebe es noch die traditionalisierenden Bilder, die (a) dem Humbold-Leitbild folgten oder (b) jenem der Ordinarienuniversität.

Im Weiteren ging Pasternack auf die Aufgaben der Universität ein. Von seiner Darstellung kann ich aber nicht alles wiedergeben. Pasternack verweist auf Michael Daxner, wonach die Hochschule als Ort gesellschaftlicher Debatte der Ort ist, an dem sich die Gesellschaft denke. Nun meint Pasternack, dass der Gesellschaftsdiskurs weniger Impulse durch die Hochschulen erfahre als durch Talk-Shows. Und auch durch Museen oder die Politik würden manchmal Themen gesetzt werden.

Die Hochschule müsse Absolventen zustande bringen, die auf das Unvorbereitbare vorbereitet seien, die unter heute noch nicht vorstellbaren Umständen ihre Umwelt analysieren und souverän Entscheidungen fällen und die Ungewissheiten und Widersprüchlichkeiten aushalten können.

Bologna sei auch ein Versuch, die Hochschulexpansion zu bewältigen. Individualisten hätten den Magister geliebt. Aber die Mehrheit bestehe nun mal aus Nicht-Individualisten und sich bei der Problembewältigung zu allererst um die Mehrheit zu kümmern, sei ja irgendwie auch normal. Pasternack bezeichnet die deutsche Form der Bologna-Umsetzung als eine "Germanisierung des Bolognaprozesses".

Pasternack sprach sich sehr deutlich gegen eine Differenzierung zwischen Forschungs- und Lehruniversität aus. Wir hätten schließlich noch die Fachhochschulen. Wenn wir die Differenzierung zwischen Forschungs- und Lehruniversität bekämen, würde das zu einer Hierarchisierung zwischen den Universitäten führen, in der klar die Forschungsuniversitäten die Spitze bildeten, wodurch mittelfristig alle Staatseliten nur noch aus einer Universität kommen würden, mit folglich nur noch einer Denkrichtung.

Podiumsdiskussion

In der Diskussion sprach sich dann auch Margit Osterloh noch einmal sehr deutlich gegen diese Hierarchisierung aus und deutete nochmals an, wie froh sie sei, dass die Schweiz keine Exzellenzinitiative bekommen habe. Die Nachfragen der Moderatorin transportierten die Aussage, dass es doch eigentlich nicht schlecht sein könne, wenn sich Hochschulen ganz besonders auf die Lehre konzentrieren wollten und strukturierte Angebote machten. Pasternack erwiderte nochmals kurz mit einem "Ja", und dass er doch gerade erklärt habe, dass wir dazu die Fachhochschulen hätten. Und Margit Osterloh schloss an, dass eine verstärkte Messung der Lehrerfolge zu einem "Teaching for Testing" führe und dass wir so etwas an einer Universität nicht gebrauchen könnten. Das entsprach dann auch wieder Pasternacks Position, wonach die Universität auch eine Heimat für die Individualisten sein muss, denn die Gesellschaft brauche ihr kritisches und abweichendes Denken.

Osterloh möchte statt einer Exzellenzinitiative für die Lehre lieber Preise/Awards für gute Lehre anregen und hochschuldidaktische Kurse anbieten lassen.

Pasternack meinte, dass Fusionen zwischen Fachhochschulen und Universitäten insbesondere in Ostdeutschland mittelfristig nicht zu vermeiden seien. Denn sonst müsse man zu viele Standorte schließen.

Zum Abschluss möchte ich noch auf einen Satzbaustein hinweisen, den ich gegen Ende bei Pasternack aufgeschnappt habe und der mir sehr gut gefiel: Die Universität vermittle ihren Studierenden "Handlungssouveränität durch Kontaktinfektion mit Wissenschaft". Und wenn man diesen Satzbaustein mal bei Google eingibt, findet man sehr schnell wieder zu Pasternack, zum eingangs erwähnten Michael Daxner und darüber hinaus auch zu Pasternacks Auffassung zu aus dem Internet zusammenkopierten Satzbausteinen.

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Dr. Veit Larmann
info (bei) veit-larmann.de

Mode 2 Universität

Die Mode 2 - Universität muss man laut Burton R. Clark (Creating Entrepreneurial Universities, 1998:139) als ein Pol am Ende einer Geraden sehen, an deren anderen Ende die Mode 1 - Universität steht. Die Mode 1 - Universität ist eine, die sich nicht sonderlich um das kümmert, was um sie herum passiert, sich wenig in die lokale Gesellschaft einbringt und stark in ihren Disziplinen arbeitet. Die Elemente einer Mode 2 - Universität finden wir hingegen weniger in der eigentlichen Institution, sondern eher um sie herum: Sie arbeitet Disziplinen übergreifend, problemorientiert innerhalb sie umgebender wissensbasierter Einrichtungen, die von größeren Industrielaboren, zu Think-Tanks, Management-Beratungen oder kleineren oder größeren Start-up Firmen reichen. Clark verweist auf Gibbons et al (1994): The New Production of Knowledge sowie: Ziman (1994): Prometheus bound.

Entrepreneurial University

Die entrepreneurial University von Burton R. Clark ist eines dieser Bücher, die viel öfter diskutiert als gelesen wurden. Meines Erachtens ist man dabei von Clarks Grundgedanken, wie ich ihn verstanden habe, weggekommen. In meinen Augen sagt er in seinem Buch, dass die Gesellschaftsansprüche gegenüber unseren Universitäten so überbordend geworden sind, dass jede Universität, die nicht klar zu einigen wenigen Punkten ihre Expertise herausstellt (und dadurch auch implizit sagt, wofür sie alles keine Expertise anbietet) von den Anforderungen erschlagen wird. "Entrepreneurial" heißt also in diesem Sinn, dass man etwas "unternehmen" muss um die Anforderungen zu bewältigen, weil man ansonsten untergeht.