Neue Formen der Governance in Hochschulen und Forschungseinrichtungen

Jahrestagung der Gesellschaft für Hochschulforschung in München

6. - 8. April 2016: Aufgrund einer Bahnverspätung bin ich erst zum Ende der Podiumsdiskussion des Hochschulforschernachwuchses angekommen. Dort ging es um die Frage, wie Hochschulforscher die Hochschulentwicklung befördern können.

Kerstin Janson betonte, damit die Ergebnisse von Absolventenbefragungen in die Gremiendebatten einfließen könnten, müssten die Ergebnisse auch mal zugespitzt und nicht nur rein akademisch formuliert werden. An ihrer Hochschule wurden aufgrund der Befragungsergebnisse die Öffnungszeiten der Bibliothek verlängert, Entrepreneurship als Pflichtfach eingeführt und die englischsprachige Lehre ausgeweitet.

Edith Braun nannte als Beispiel die gescheiterte AHELO-Initiative. Der Bund habe damit eine Art „Pisa für die Hochschulen“ einführen wollen. Für die Hochschulforschung wäre AHELO ein aufwendiges Projekt gewesen – aber die Frage, wie die Forschung dieses Projekt hätte erfolgreich umsetzen können, sei dann aus politischen Gründen gar nicht mehr relevant gewesen. Dass die Hochschulforschung leicht ein Opfer auch der hochschulinternen Politik werden kann, unterstreicht sie mit dem Beispiel, dass es in Hochschulen manchmal notwendig sei, die Organisationsstruktur umzugestalten, weil Herr A und Frau B einander nicht ausstehen können. Dafür brauche ein Präsident dann verwissenschaftlichte Argumente, die seinen Steuerungsversuch mit Legitimität ausstatten. Welche Organisationsstruktur aus Sicht der Hochschulforschung die optimale wäre, ist dann wieder völlig nachrangig.

Kerstin Janson rief in Erinnerung, dass Professoren ihre Interessen gegenüber allen noch so gesicherten Forschungsergebnissen verteidigen könnten: „Die Forschungsergebnisse gelten für alle Universitäten, ja - aber nicht für meine.“ Ein Herausargumentieren gelinge ihnen immer. Ein Hochschulforscher, der bei einem Präsidenten arbeite, solle seine Selbstbestätigung nicht aus den Forschungsergebnissen ziehen, die er dem Präsident vorlegt. Und ja, die Versachlichung von Diskussionen mit Daten aus der eigenen Hochschule könne auch wertgeschätzt werden, geschehe aber nicht außerhalb von Interessenskämpfen.

Susi Poli verwies auf das Format des „Professional PhD“, das in UK bestehe. Man nehme damit Menschen aus der Praxis heraus und transformiere sie zu Forschern. Hochschulforschung, so meinte sie, sei viel befriedigender, wenn man sie mit Wirkung auf andere und nicht auf die eigene Hochschule betreibe, weil man sich der eigenen Hochschule gegenüber nie neutral verhalten könne. Sie differenzierte zwischen „Institutional Researchers“ und „Academic Researchers.“

Haupttagung

Im folgenden gebe ich zusammengefasst die Inhalte einiger ausgewählter Vorträge wieder:

Attila Pausits
Im ersten Vortrags-Track referierte Attila Pausits zur Entwicklung des österreichischen Fachhochschul-Sektors. Als Basis für die durchgeführte Studie dienten 100 Interviews. Die entsprechende Publikation ist noch nicht veröffentlicht worden.
Die Einrichtung der Fachhochschulen habe mehrere Ziele verfolgt: Die Universitäten entlasten, kürzere Studiendauern ermöglichen, die Durchlässigkeit erhöhen. Viele Ziele können als analog zur Bologna-Reform betrachtet werden. Im Laufe der Zeit seien aber auch neue Ziele hinzugekommen, wie z. B. die Akademisierung von Berufen. Die Regionalisierung, also das Anbieten von Hochschulbildung außerhalb der Zentren, stellt sich derzeit als rückläufig dar.
Derzeit gibt es 21 Fachhochschulen bzw. Anbieter von Fachhochschulstudiengängen und etwa 43.000 Studierende. Die Fachhochschulen basieren auf dem Träger-Erhalter-Modell, d. h. ein „Erhalter“ (das kann z. B. eine Stiftung oder ein Verein sein) übernimmt die sonst übliche Trägerfunktion des Staates. Weitere Besonderheiten des österreichischen Modells sind, dass diese Einrichtungen nicht als „Upgrades“ von Vorgängerinstitutionen entstanden sind und dass am Namen der Einrichtung nicht unbedingt zu erkennen ist, dass sie Fachhochschulstudiengänge anbietet. Wenn eine Einrichtung heute den Titel Fachhochschule trägt, muss sie zumindest mehrheitlich Fachhochschulstudiengänge anbieten. Die österreichischen Fachhochschulen wurden erst relativ spät 1993 eingerichtet. Überwiegend sind sie als PPP aufgestellt. 90 Prozent der Kosten eines Studienplatzes werden vom Staat übernommen. Die restlichen 10 Prozent meist von den Studierenden.
Fachhochschulstudiengänge dürfen sich ihre Studierenden aussuchen, d. h. Aufnahmetest und dergleichen durchführen. Universitäten dürfen das, weil sie vollständig vom Staat finanziert werden, weit überwiegend nicht (vgl. zu den Abweichungen und zur „Eingangsphase“ bzw. „Aussiebphase“ http://www.studis-online.de/Studieren/Auslandsstudium/oesterreich.php). Wer nach einem Bachelor an einer Fachhochschule lieber zum Master an eine Universität wechseln möchte, kann das in vielen Fällen tun. Die meisten Fachhochschulstudiengänge werden berufsbegleitend studiert.


Alexander Lenger
Alexander Lenger, der nach eigener Aussage nicht in der Hochschulforschung zu Hause ist, hat die Illusio untersucht, die das Feld der Hochschulsteuerung bestimmt. Dazu hat er mithilfe einer rekonstruktiven Forschungsmethodik eine Typenbildung aus 32 durchgeführten Interviews vorgenommen. Dies ist ein Teilprojekt eines SFBs zur Muße. Er zeigt, dass es sich hier um eine Illusiotransformation handelt: In der Meta-Erzählung der Interviews wird die alte Illusio fortgeführt, auf der Mikroebene ist aber eine neue Illusio entstanden ist: die der Wissenschaft als Karrierejob oder dass sich aus dem Management von Wissenschaft jetzt eine Legitimation im Feld gewinnen lässt. Manageriale Praktiken werden im Prozess der Feldsozialisation inkorporiert. Dies seien alles rekonstruierende Erzählungen und sollten nicht mit der Aussage verwechselt werden, dass die Wissenschaftler dann auch wirklich so handeln.
Der Wert so eines Vortrages zeigt sich dann vor allen Dingen in der sehr angeregten Diskussion, die hierauf folgte. Dabei musste Lenger noch einmal darlegen, dass er die Performanz gar nicht untersucht hat, sondern die Illusio, die das Feld und die Verschiebung von Rechtfertigungsnormen bestimmt.


Cord Dennis Hachmeister
Cord Dennis Hachmeister (CHE) stellte ein Projekt dar, in dem ein nutzbarer Katalog von Facetten und Indikatoren zur Vermessung der angewandten Forschung und der 3rd Mission von Hochschulen entwickelt wurde. Dazu wurden zunächst 12 Hochschulleitungen und 20 Professoren interviewt. Anschließend wurden zunächst Fragebögen an Hochschulen in einer Testphase verschickt, die prüfen wollte, ob die Fragen einerseits verständlich und andererseits mit vorhandenen Daten beantwortet werden können. Derzeit wird ein erster Praxistest durchgeführt. Letztlich soll ein „Kerndatensatz 3rd Mission“ erstellt werden.


Guido Bünstorf und Tim Plasa
Die beiden untersuchten die unternehmerischen Aktivitäten von Absolventen. Dazu schauten sie insbesondere auf den Zusammenhang von Unterstützungsleitungen der Hochschule, der Teilnahme der Hochschule am EXIST-Programm und die Vermittlung von entsprechenden Kompetenzen im Studium. Deren vorläufiges Ergebnis ist nun, dass es keinen Zusammenhang zwischen den Gründungsaktivitäten und den Angeboten der Hochschule gibt. In der Diskussion wurde dann noch einmal darauf hingewiesen, das Gründung in freien Berufen eigentlich fast immer vorkomme, aber dass das weder Förderziel sei noch gemessen werden sollte. Gründungen, die kurz nach dem Studium vorgenommen werden, können vermutlich eher noch der Wirkung der Hochschule zugerechnet werden, als fünf Jahre nach dem Abschluss durchgeführte Gründungen. Aber dass gerade die Gründungen kurz nach dem Abschluss oft nur eine Verlegenheitslösung als Alternative zur Arbeitslosigkeit darstellen.


Ester Höhle
Ester Höhle erläuterte erste Ergebnisse einer Studie zum Vergleich von Beschäftigungssituationen des wissenschaftlichen Nachwuchses. Dabei zeigt sich, dass Befristungen jenseits der Promotion überwiegend in Universitäten in sehr reichen Ländern vorkommen. Diese befristeten Nachwuchswissenschaftler arbeiten dann in der Forschung. Sind Universitäten in ihrem Profil auf die Lehre ausgerichtet, sind Befristungen eher ungewöhnlich.


Georg Krücken
Georg Krücken hielt am Ende der Tagung eine Keynote zur „Transformation von Universitäten in Wettbewerbsakteure“. „Wettbewerb“ habe auch in seinen Augen heute eine große Legitimation, er werde geradezu mythisch überhöht. Wettbewerb habe in der Wissenschaft auf individueller Ebene auch eine hohe Anschlussfähigkeit, bilde auf dieser Ebene geradezu eine Tradition. Aber das sei auf organisationaler Ebene keinesfalls so.
Wettbewerb führe immer zu Wettbewerbsvermeidungsstrategien - man sucht sich daher Nischen. Der Staat inszeniere Wettbewerbe. In der Literatur werden die Begriffe Markt und Wettbewerb oft vermischt: Gemeinsam sei beiden Begriffen der Vergleich zueinander, aber der Markt braucht immer den Preis. Wettbewerb funktioniere auch ohne Preis und ohne Nachfrage, die die Angebote in Relation zueinander setzen. Im Wettbewerb übernehmen andere Akteure diese Relationssetzung, also Rankings, Akkreditierungsagenturen etc. Sport braucht durch Ligen konstruierte Wettbewerbsfelder - sonst sind sie Showkämpfe. Es braucht also die Rahmung um Akteure als Wettbewerbsakteure zu konstruieren.

Professoren hätten unterschiedlich abgestufte Loyalitäten gegenüber ihrem eigenen Feld, ihrer Fakultät und ihrer Universität. An der geringen Loyalität gegenüber der eigenen Universität sei im Grunde nichts verkehrt - die Universitäten seien in ihrer losen Kopplung funktional, nicht defizitär.
Er sieht intendierte und nicht intendierte Effekte des Wettbewerbssystems. So sei die Frauenförderung zu einem Element des Wettbewerbssystems geworden. Aber nicht intendierte, wie
- die zunehmende Bürokratisierung,
- der Verlust der kleinen Fächer,
- die Bevorzugung großer Cluster (gleichwohl die Innovationen erwiesenermaßen in kleinen Gruppen entstehen) oder
- das Schaffen von Transferstellen (gleichwohl die Kontakte weiterhin direkt zu den Professoren gehen, aber das Ministerium wolle diese Stellen nunmal sehen).
Dass das Wettbewerbssystem Defizite hat, habe man in den Niederlanden schon erkannt. Dort schlage das Pendel derzeit wieder zurück. Wenn Wettbewerb durch einen Dritten konstruiert werde, müsse man immer schauen, wer mit welchen Regeln und Zielen diesen Wettbewerb konstituiert.
In der folgenden Diskussion zeigt sich, dass es doch noch Kernbereiche gibt, die vom Wettbewerb befreit sind und dass die großen Forschungscluster auch Schutzraum für innovative Kleingruppen sind.


Die 2017er Jahrestagung wird in Hannover stattfinden und vom DZHW ausgerichtet werden.

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Dr. Veit Larmann
info (bei) veit-larmann.de

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