Tagungsbesuch in Berlin

TAZlab

25. April 2010: Gestern war ich auf dem hervorragenden TAZlab und habe drei Podiumsdiskussionen gehört, mit: Julian Nida-Rümelin, Magret Wintermantel, Konrad Schiliy, Sascha Spoun, Jan-Hendrik Olbertz, Elke Middendorff und einigen anderen.

In der ersten Podiumsdiskussion drehte es sich wieder einmal um die Bologna-Reform. Julian Nida-Rümelin plädierte für eine Reform der Reformen: "Das Zauberwort Employability kann nicht das Ziel sein." Er fragt, ob man Persönlichkeitsbildung wirklich in einem Lehrplan so implementieren kann, dass man sie als vermittelt abhaken kann. In seinen Augen ist die zeitliche Belastung der Studierenden viel zu hoch. Studierende würden von ihm immer öfter PDFs verlangen, weil ihnen die Zeit fehle in die Bibliothek zu gehen. Er hat an seiner Hochschule beobachten können, dass die Ringvorlesungen wegen mangelnder Beteiligung der Studierenden nun in 60plus-Veranstaltungen umgewidmet wurden. Er beklagt den Reform-Murks der HRK und sagt: "Wir machen Politik mit falsch verstandenen Bildern aus den USA." Die hätten dort keinesfalls eine höhere, sondern eine viel geringere Akademikerquote - so wie wir akademisch verstehen - als wir. Ein Großteil der amerikanischen Universitäten mache simple Ausbildung, wie wir sie in unserer dualen Ausbildungen hätten. Und auch auf Humboldt werde zu oft mit einem falschen Verständnis verwiesen: Humboldt sei es nicht um den wissenschaftlichen Nachwuchs gegangen, sondern er wollte verantwortungsvolle Menschen schaffen.

In der zweiten Podiumsdiskussion begeisterte Sascha Spoun wieder einmal mit dem Leuphana-Modell. Die Lüneburger Bachelor-Studierenden werden darauf vorbereitet "unbekannte Probleme in der Zukunft lösen zu können." In Lüneburg setze man daher auf weniger Berufsbezug und mehr Freiheit. In der Podiumsdiskussion zeigte sich, dass die allermeisten Hochschulen zu wenig Mut gezeigt hätten, aus den Möglichkeiten der BA/MA-Einführung etwas zu machen. Spoun meint, dass neugierige Studierende Freude an Freiräumen haben und dass man dafür Formate anbieten muss, für die es keine Punkte gibt. Ihm geht es um eine kritisch-reflektierte Methodenkompetenz und nicht um formalisiertes Wissen.

Olbertz meint, dass der Bachelor oft nur "simuliert" wurde und alte Diplome in ihn hineingepresst wurden. Der Bachelor sei curricula völlig anders als das Diplom. Spoun forderte die Hochschulen auf, mehr mit den Strukturen "rumzuwurschteln". Das unterstützt auch Olbertz als Minister, meint aber, dass das intelligent geschehen müsse, sonst habe er als Minister die Pflicht einzugreifen. Denn die Hochschulen haben letztlich einen öffentlichen Auftrag. Die Freiheit würden Professoren gelegentlich überinterpretieren. Freiheit der Forschung heiße "Freiheit im Denken" und nicht, dass man den öffentlichen Auftrag ignorieren dürfe. Letztlich sieht Olbertz aber staatliche Interventionen in die Hochschulen als genau so problematisch an wie das Eingreifen der Wirtschaft in die Hochschulen.

Für noch mehr Würze auf diesem spannenden Podium sorgte Konrad Schily, Gründer der Hochschule Witten-Herdecke. In seinen Augen stellt sich das Verhältnis zwischen Staat und Hochschulen wie ein Pingpong-Spiel dar, in das die Wirtschaft immer wieder irgendwie hineinfunkt. Von seinem Parteikollegen Pinkwart schien Konrad Schilt auch nicht begeistert zu sein. Olbertz meint, dass es ihm als Minister wirklich gelungen sei, viel Geld für die Hochschulen in Sachsen-Anhalt freizumachen, aber letztlich müsse die Finanzierung der Hochschulen auch durch Nützlichkeit legitimiert werden, sonst stimme das Parlament einfach nicht zu.

Natürlich waren immer wieder alle daran interessiert, wie Sascha Spoun seine Leuphana-Reform hat durchbekommen können. Er sagte, dass man so einen Umgestaltungsprozess nur moderieren kann, wenn man eine Vision davon hat, wo es hingegen soll. Und wenn man Entscheidungen für das eine und gegen das andere trifft, führe das immer dazu, dass erst einmal alle darüber reden, was nicht mehr ist. Und es gehe keinesfalls darum, Koalitionen aus denen zu bilden, die bei der Reform mitmachen wollen und sie gegen jene schmiedet, die nicht mitmachen wollen: "Man gewinnt täglich Leute dazu."

Anschließend wurde über die Rolle der Universitäten diskutiert: Für Schily braucht die Gesellschaft Universitäten um sich in ihnen zu spiegeln. Nicht jeder Studierende fühle sich in so einem offenen Modell wohl, daher bräuchten wir Angebote für die eine und Angebote für die andere Gruppe. Angesprochen auf die Exzellenz-Universitäten meinte Olbertz, dass ihm das Modell der Exzellenz-Universität in Gänze nicht vorstellbar sei: "Das werden immer nur einzelne Bereiche in der Uni sein."

Funktionierende Demokratie in einer Hochschule erklärte Schily derart: Bei den Bauvorhaben der Universität Witten-Herdecke durften alle mitdiskutieren und ihre Meinungen einbringen, aber er habe diese Diskussion dadurch produktiv werden lassen, dass am Ende nur einer - der Kaufmann - dem Architekten Aufträge geben durfte. So bleibe man im Budget und im Zeitplan. Für Olbertz sei es für die Kommunikation an einer Universität vorrangig, dass die Studierendenvertretung ihr Büro "mit im Hauptgebäude und nicht irgendwo in einem Nebengebäude" hat. Spoun beschrieb die Rolle der Studierenden folgendermaßen: "Die schauen nicht als Kunden vorbei, sondern das ist deren Lebensform und die müssen sie gestalten können." Die Universität braucht die Studierenden auch für deren neuen Ideen: "Eine Universität wird jedes Jahr jünger." In der Leuphana sei der Bachelor sehr allgemein gehalten und der Master, davon gebe es nur wenige, sei dann sehr spezialisiert und habe einen "Promotionsanhang".

In der dritten Podiumsdiskussion wurde die aktuelle HIS-Studierendenwerks-Studie vorgestellt. Die Bildungsbeteiligung der Eltern bestimme weitgehend die Bildungsentscheidung der Kinder. Die Bildungshürden kumulieren über die Jahre. Von 100 Akademikerkindern würden 71, von 100 Arbeiterkindern 24 studieren (nach Schätzverfahren). Für Middendorff ist wichtig, dass man die Disparitäten in den Bildungschancen deutlich erkennen kann, das Ausmaß sei im Detail nicht wichtig.

Der finanzielle Beitrag, den die Eltern für das Studium ihrer Kinder leisten, sei zwischen 2006 und 2009 über alle Einkommensklassen hinweg gesunken. Der "Eckrentner" unter den Studierenden habe im Beobachtungszeitraum durchschnittlich 812 Euro zur Verfügung gehabt. 23 Prozent der Studierenden seien derzeit BAföG-Empfänger. Am schlechtesten gehe es jenen, deren Voll-BAföG ausgelaufen sei, weil sie keine Eltern haben, auf die sie finanziell zurückfallen können. 3 Prozent der Studierenden erhalten Stipendien, 1 Prozent nehme zur Studienfinanzierung einen Kredit auf, der durchschnittlich 257 Euro (monatlich) betrage. Mehr dazu auf sozialerhebung.de

Frank Stäudner, Freund des Studienkredites und Pressesprecher des Stifterverbandes, sorgte mit seinen Tipps immer wieder für Lacher im Publikum, da er sich in seinen Positionen oft selbst widersprach. So konkretisierte er beispielsweise auf Nachfrage der TAZ-Redakteurin Anna Lehmann: "Der Pressesprecher des Stifterverbandes, der sich in dieser Hinsicht nicht mit dem Vorstand abgesprochen hat, ist der Meinung, dass sich der Stifterverband für ein längeres gemeinsames Lernen einsetzt." Lehmann meinte dazu, dass man sich über diese Aussage in Hamburg und in NRW freuen wird. Mit manchen Aussagen zu Studiengebühren und der Finanzierung über Kredite erntete Stäudner auch sehr erboste Zwischenrufe aus dem Publikum: "Das ist hier reine PR!"

An die Organisation arbeiterkind.de richteten sich viele Fragen zu den Hürden auf dem Weg zur Hochschule. Unwissenheit sei oftmals das Problem, auch bezogen auf die Möglichkeit eines Stipendiums, denn viele Arbeiterkinder lassen sich vom Begabungsbegriff abschrecken. Und auch die Kosten einer Bewerbung seien faktisch zu hoch: So müsse man bei der Studienstiftung 25 Euro Gebühren für eine Selbstbewerbung zahlen und darüber hinaus natürlich auch die Anfahrt und Übernachtungskosten selber tragen. Das schrecke Kinder aus ärmeren Haushalten ab.

Eine erboste Studierende aus dem Publikum fasste ihre Eindrücke zur Studienfinanzierung dann so zusammen: "Schulden für die Armen und Stipendien für die Reichen." (Siehe auch Bericht auf taz.de)

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Dr. Veit Larmann
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