Tagung Bundestagsfraktion

Neue Leitbilder

Am 12. März 2011 habe ich an der kleinen Tagung der Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen "Vorausschauen. Neue Leitbilder für die Hochschulen"  teilgenommen. Hier einige meiner dort mitgenommenen Gedanken...

Zunächst hielt Kai Gehring einen umfassenden und auf die aktuellen Problemlagen des Hochschulsystems bezogenen und Lösungsstrategien formulierenden Einstiegsvortrag.

Anschließend hat Frau Dr. Behrenbeck Einzelaspekte der im November vom Wissenschaftsrat (WSR) publizierten "Empfehlungen zur Differenzierung der Hochschulen" vorgestellt. Sie legte zunächst dar, dass der WSR mit dieser Publikation deutlich machen wollte, dass der normativ aufgeladene Begriff der Universität schon lange nicht mehr der Realität entspreche, sondern dass es sich bereits um eine sehr differenzierte Hochschullandschaft handele, für die auch die binäre Differenzierung zwischen Fachhochschulen und Universitäten keine treffende Beschreibung mehr sei. Vielmehr seien bereits viele Differenzierungsstufen zwischen Universitäten und Fachhochschulen zu finden: Es gebe Ein-Fakultäts-Universitäten, Hochschulen, die nur auf einen Gegenstandsbereich bezogen sein, die NTH bestehe aus drei Hochschulen usw. Abweichung sei also der Normalfall, wie sie sich ausdrückte.

Auch unter den Fachhochschulen gebe es welche, die mehr Drittmittel einwerben würden als manche Universität, etliche mit institutionalisierten kooperativen Promotionsververfahren oder auch welche, die sich mit der Weiterbildung nur auf eine Zielgruppe konzentrieten.

Ganz sicher sei die einzelne Hochschule aber damit überfordert, alle extern formulierten Ansprüche in gleicher Weise zu erfüllen - vielmehr solle sie sich auf das regionale Umfeld des Hochschulstandortes konzentrieren.

Abschließend meinte Behrenbeck, dass Hochschulen akzeptieren müssten, dass es in Zeiten der Massenuniversität legitime Ansprüche an die Hochschule gibt, Ausbildung auch abseits der wissenschaftlichen Karriere zu organisieren. Die Exzellenz-Initiative sei eine Prämierung der Forschungsuniversität gewesen, die die "Lehr-Universität" als Alternative nahelege - die aber keine reale Alternative sei! Eine Differenzierung des Systems sei die bessere Alternative, die zeitweise auch zu einer eigentlich zu vermeidenden Unübersichtlichkeit führen dürfe. Behrenbeck schloss ihr Referat mit der Forderung nach mehr Grundmitteln für die Hochschulen. Die Grenzen der Drittmittel-Wettbewerblichkeit seien erreicht.

Nun ging das Wort zunächst an Uwe Schneidewind, der für sein Verständnis einer nachhaltigen Hochschule warb: Diese gebe den Studierenden einen Deutungsrahmen mit auf den Weg - bislang bekämen sie einen ökonomischen Deutungsrahmen vermittelt. Schneidewind bemängelte, dass das WSR-Papier die nachhaltige Hochschule nicht mit einem Wort erwähne. Auch bei der neuesten Exzellenz-Initiative sei der gesellschaftsorientierte Antrag der Universität Hamburg nicht weitergekommen.

Nun wurde Rektor Prof. Dr. Radtke von der Universität Duisburg - Essen (UDE) gefragt, ob er eine "Arme-Leute-Uni" schaffen würde. Und Radtke erklärte, dass die UDE eine starke Binnendifferenzierung aufweise, mit unterschiedlichen Standorten, Zielgruppen und Bereichen, die stark in der Lehre oder stark in der Forschung seien. Er meint, dass  nur eine forschungsstarke Universität auch attraktiv für qualifiziertes Lehrpersonal sei. Die UDE habe über 50 Prozent Studierende der ersten Generation (Arbeiterkinder) und etwa ein Viertel habe Migrationshintergrund. Die Heterogenität sei also enorm und sie sehen diese Heterogenität an der UDE als eine Chance. Nichtsdestotrotz würde die UDE nur Professoren berufen, die auch in der Lage seien einen DFG-Antrag zu stellen. Da achte er persönlich als Präsident sehr drauf! Man könne als Hochschule wohl eine Binnendifferenzierung anstreben, aber die bewusste horizontale Differenzierung sei Unsinn, weil man für diese Differenzierungsform kein Personal finden könne.

Andreas Keller (GEW) plädierte anschließend für neue Formen der Partizipation in der Hochschule. Diese seien zu finden und könnten durch die neue Autonomie der Hochschule, die über einen Globalhaushalt verfüge und sich immer mehr dem Parlamentseinfluss entziehe, ein neues Gewicht erhalten. Denn die Verwendung öffentlicher Mittel bedürfe einer demokratischen Legitimierung. Und die Gremiendiskussionen der 80er-Jahre, die sich niemand zurückwünsche, wurden in einer am ministerialen Gängelband geführten Hochschule geführt. Die heutige Hochschule sei eine andere und Partizipation sei ja auch Effizienz steigernd, Autorität hingegen provoziere Widerstand. All diese neuen und noch zu findenden Partizipationsformen kann sich Keller aber nur als Ergänzung zu den satzungsgemäß verbrieften Mitbestimmungsrechten vorstellen. Und dann brachte er noch eine interessante Perspektive ein: Die Studierenden, die gegen Atomkraft demonstrierten, würden dadurch auch gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen, indem sie neue Impulse einbringen. Denn bspw. die Umwelt- und Friedensforschung seien nicht aus der Wissenschaft selbst entstanden, sondern seien in sie hineingetragen worden.

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Dr. Veit Larmann
info (bei) veit-larmann.de

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