Tagungsbesuch in Berlin

Studium 2020

Vom 26. bis 27. Januar 2012 war ich auf der studium2020-Tagung des Stifterverbandes. Ich war lange nicht mehr auf einer derartigen "Praktiker-Tagung" und wollte einmal wissen, wie ich darauf nach einer so langen hochschulforscherischen Phase reagiere.

Ich muss gleich vorweg sagen, dass ich diesen Ausflug nach Berlin auch mit anderen, mir wichtigen Besuchen bei Kollegen kombiniert habe und ich daher nicht die ganze Tagung mitbekommen habe. Einige Eindrücke möchte ich hier festhalten:

Prof. Dr. Arnold von der TU-Kaiserlautern konnte mit ein paar, für mich, der im didaktischen Hochschulbereich nicht wirklich zu Hause ist, sehr provokanten Thesen aufwarten. So stellte er dar, dass angeblich nur 20 Prozent der Kompetenzen innerhalb von Bildungsinstitutionen gesammelt werden, 80 Prozent aber außerhalb. Und auch der Zusammenhang zwischen Lehren und Lernen sei schwer nachzuweisen: Vermutlich hindere die Lehre die Studierenden eher daran, diese Zeit in sinnvolleres Selbststudium zu investieren. Und auch die Peers, mit denen die Studienzeit verbracht werde, seien für die Entwicklung der Studierenden wichtiger als das eigentliche Studium.

Dann habe ich einer kleinen Diskussionsrunde mit Dr. Sigrun Nickel, Thorsten Schuhmacher und Helmut Fangmann beiwohnen können. Hier ging es um den Zugang zum Hochschulstudium auf alternativen Wegen. Einiges war mir nicht so ganz einleuchtend in dieser Runde: Beispielsweise wird immer wieder propagiert, dass die Öffnung der Hochschulen insbesondere ein Thema für die Fachhochschulen sei. Sicher sind sie in der Fläche mehr vertreten als Universitäten, und angeblich fühlen sich die Studierenden dort besser betreut als an Universitäten, aber klar ist mir deshalb noch lange nicht, warum die Öffnung nicht in gleichem Maße an Universitäten stattfinden könnte. Schließlich sind die klassischen sozialen Aufsteigerstudiengänge Lehramt und Theologie doch auch nur an Universitäten beheimatet.
Sympathisch fand ich die Forderung von Thorsten Schuhmacher, man solle doch - bis auf wenige Ausnahmen - die konsekutiven Master abschaffen und nur noch nicht-konsekutive anbieten: Dann könne Lebenslanges Lernen (LLL) Wirklichkeit werden! Derzeit findet Schuhmacher wissenschaftliche Weiterbildung noch zu abschreckend teuer. Sie müssen für die Interessenten von den Kosten her mit einem grundständigen Studium vergleichbar sein.
Die Einwürfe, die Helmut Fangmann brachte, waren allesamt in ihrer Deutlichkeit erfrischend brutal: Er meinte, dass die Diskussion darum, ob eine Hochschulzugangsberechtigung vorliege oder nicht, ziemlich weit an den Entscheidungsprämissen von Personalverantwortlichen, die sich mit der Weiterbildung ihres Personals befassen, vorbeigehe. Und auch seinen Einwand, dass man nicht zu viel Hoffnung haben dürfe, dass aufgrund des Demographischen Wandels nun große Investitionen der öffentlichen Hand in Weiterbildungsmaßnahmen fließen werden, war insbesondere deshalb so ernüchternd, weil er ihn damit begründete, dass die Finanzminister sich auf den demographischen Wandel teilweise auch freuen würden, insbesondere dann, wenn es darum gehe eine "demographische Rendite abzuschöpfen".

Der Vortrag von Prof. Dr. Winkelmann war dann ein klassischer wissenschaftlicher Vortrag. Er zeigte, dass Weiterbildungsentscheidungen durch persönliche Motivationen begründet seien und nicht durch Renditeerwartungen. Auch seien die Hochschulen bei ihrer Angebotsgestaltung noch viel zu sehr in Studiengangsstrukturen verhaften. Aus diesen müssten sie raus und alternative Formen entwickeln. Derzeitig fände man beruflich qualifizierte Studierende überwiegend an der Fern-Uni Hagen.

Den letzten Vortrag der Tagung brachte dann Andrä Wolter - in einer gewohnt hohen Geschwindigkeit von 30 Folien in 30 Minuten, die so manchen Teilnehmer in den Reihen hinter mir stöhnen ließ. Zuerst stellte er die jüngeren Förderprogramme hinsichtlich der offenen Hochschule vor, verwies auf die neuen Zugangsbestimmungen durch die HRK, das Aufstiegsstipendium und das Ankom-Netzwerk. Er meinte, dass die Arbeitgeberverbände und die Gewerkschaften in letzter Zeit bei diesem Thema für ordentlich Rückenwind gesorgt hätten. Aktuell, d. h. in den Daten von 2010/11 seien jedoch nur 2 Prozent der Uni- und 3 Prozent der FH-Studierenden über den 3. Bildungsweg (ohne Abitur) in die Hochschule gelangt.
Wolters sieht eine Schwerpunktverschiebung in der Öffnungs-Begründung: Von einer Begründung über Gerechtigkeit hin zu einer über ökonomischen Sichtweise. Ein jüngeres EU-Memorandum sehe das Gerechtigkeitsziel und das ökonomische Ziel nun aber wieder als gleich bedeutend.
Wolters ging im Weiteren auf eine Vorausberechnung ein, die er für den Bildungsbericht unternommen hatte, bei der er einen Rückgang der Studierenden in den Flächenländern Ost- und Westdeutschlands prognostiziert hat.
Eine Bemerkung, die Wolters zum Schluss seines Vortrags machte, delegitimierte in meinen Augen ein Stück weit die bekannte "Studieren ohne Abitur-Debatte": Weil wir seit Jahrzehnten eigentlich immer ein Viertel der Studierenden als Abbrecher verlieren würden, sei es im Prinzip kein Problem auf einen bestehenden großen Pool formal Vorqualifizierter zu verweisen. Dieser Zielgruppe könne man sich bereits problemlos nähern.

Fazit: Die Tagung war wirklich inspirierend. Ich hatte viele gute Gespräche mit anderen Teilnehmern in den Pausen und ich konnte feststellen - und das hatte ich bei dieser Tagung für mich herausfinden wollen -, dass ich mich im Kreise der Praktiker immer noch sehr wohl fühle.

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Dr. Veit Larmann
info (bei) veit-larmann.de

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