Tagung in Wien

Hochschulwiss. Politikberatung

Vom 9. - 11. Mai 2012 fand in Wien die 7. Jahrestagung der Gesellschaft für Hochschulforschung statt. Der eigentlichen Tagung war wieder ein Nachwuchs-Tag vorgeschaltet, der wie immer insbesondere durch das Expert/inn/enforum bestimmt war. Dieses hatten Gülay Ates, Rene Krempkow und ich im Auftrag der letztjährigen HoFoNa-Versammlung zum Thema "hochschulwissenschaftliche Politikberatung" organisiert. Hier habe ich einige der dort notierten Punkte zusammengefasst:

Zunächst stellten sich die TeilnehmerInnen des Forums, also jene Expert/inn/en, die auf dem Podium saßen, selber vor:

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Frau Dr. Sabine Behrenbeck vom Wissenschaftsrat erklärte, dass die ca. 25 Mitarbeiter der WSR-Geschäftsstelle viele verschiedene disziplinäre Hintergründe hätten. Der WSR gebe seine Empfehlungen im Konsens. Nach Behrenbecks Einschätzung würde "die Politik" die Gesprächsatmosphäre, die durch die vielen anwesenden Wissenschaftler bei den WSR-Sitzungen entstehe, sehr schätzen. Politik suche in Beratung Legitimation, sie suche nach Ideen zur Gestaltung oder zur Problemanalyse - sie brauche insbesondere sozial akzeptierte Beratung. Die Beratung müsse dabei sehr auf den Punkt kommen - das "Bierdeckelformat" wurde von ihr, wie im weiteren von einigen anderen Expertinnen mehrfach genannt. Frau Dr. Behrenbeck empfiehlt dem anwesenden Hochschulforschernachwuchs auch die Berufsfelder des Hochschul-Journalismus, die Hochschul-Verwaltung oder die Ministerien.

Stefan Ertner, der als einziger Teilnehmer des Podiums nicht die Berater/innen/seite vertrat, sondern von uns als Ministeriumsvertreter und damit als potentieller Auftraggeber für Beratung eingeladen wurde, erläuterte seinen Arbeitsbereich. Im Ministerium werde die wissenschaftliche Expertise durch die Fachabteilungen bereitgestellt - als Grundsatzreferent habe er eine Scharnierfunktion zwischen den Fachabteilungen und der Politik, bzw. der Ministerin. Er habe bislang erst einen überschaubaren Umfang von Aufträgen zu Konzeptentwicklungen wahrgenommen, die nach außen vergeben worden seien. Er beobachte aber, das gelegentlich zusätzliche Expertise durch ad hoc-Gruppen eingeholt werde. Darüber hinaus gibt er den Hinweis, dass die neue Landesregierung den Anspruch habe, die Bürgerbeteiligung zu verbessern und früh eingeholte wissenschaftliche Expertise dieses Ziel dann konterkarieren könnte, wenn dadurch der Eindruck entstehe, dass die Wissenschaft bereits alles vor-entschieden habe und die Auffassung der Bürger eigentlich gar nicht mehr von Interesse sei.

Prof. Dr. Rainer Künzel hatten wir in seiner Funktion als Mitglied des Beraterkreises der Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsen (WKN) eingeladen. Als er sich vorstellte und sein Eingangsstatement formulierte, wurde jedoch schnell ersichtlich, dass er sich im Folgenden keineswegs auf die WKN-Tätigkeiten beschränken, sondern aus seinem großen Erfahrungsschatz, den er als Präsident der Universität Osnabrück, als ZeVA-Geschäftsführer, Berater in verschiedenen Kreisen usw. gesammelt hat, schöpfen wird. Ich fand seine eher beiläufige Schilderung der Gründungsphase der WKN sehr interessant: Er habe sich für die Gründung der WKN sehr stark gemacht, weil er, als Vertreter einer relativ jungen Universität, ein alternatives Netzwerk schaffen wollte, dass auch der neuen Universität Osnabrück einen Zugang zur Politik ermöglichte - einen Zugang, wie ihn bis dato primär die alten Universitäten (Göttingen etc) hatten.

Dr. Sigrun Nickel (CHE) beschrieb einführend kurz ihre beruflichen Stationen: Die journalistische Tätigkeit bei der TAZ, das Projekt Universitätsentwicklung an der Universität Hamburg, die HWP-Erfahrung und dass sie 2 Jahre bei Christa Saga in der Hochschulpolitik gearbeitet habe. Seit 2005 sei sie nun beim CHE. Die Verbindung von Forschung und Praxis gefalle ihr dort sehr gut. Sie merkte an, dass das CHE in den Anfangsjahren ab 1994 durch die HRK stark als Eisbrecher gefordert wurde, stark polarisierte und ökonomistische Positionen vertrat. Das sei heute alles sehr abgeschwächt. Derzeit mache sie Studien für die EU - und sie vermittelte den Eindruck, dass ihr diese Tätigkeit sehr gut gefalle. Zur Frage der hochschulwissenschaftlichen Politikberatung merkte sie an, dass diese "nur sehr konkret" funktioniere und verwies damit schon auf die im Weiteren oft betonte Komplexitätsreduktion, die für Beratung essentiell sei.

Prof. Dr. Hans Pechar hatten wir als "Senior-Berater" eingeladen. Er erläuterte, dass er zwar originärer Hochschulforscher sei, seinen Berufseinstieg habe er aber im Wissenschaftsministerium gehabt und betont im weiteren die disziplinierende Funktion, die das Ministerium für ihn hatte: Dort habe er gelernt, Inhalte auf das Bierdeckelformat zu bringen und Termintreue zu wahren. Beides seien Kompetenzen, die auch einem Forscher sehr nützlich sein könnten. Und auch das entwickelte Verständnis für Politik und Verwaltung sehe er als sehr hilfreich an. Das Bierdeckelformat zu beherrschen bedeute aber auch, dass diese Komplexitätsreduktion ohne Verflachung zu leisten sei. Dem anwesenden Hochschulforschernachwuchs empfiehlt er ein Praktikum oder zumindest eine kurze Beschäftigung in einem Ministerium. Auf die hochschulwissenschaftlichen Politikberatung bezogen betonte er, dass hierbei die Anschlussfähigkeit des wissenschaftlichen Jargons beachtet bzw. dieses übersetzt werden müsse.

Frau Dr. Angela Wroblewski vom Institut für höhere Studien (Wien) erläuterte den Gründungsauftrag ihres Instituts: Es solle politikrelevante Forschung betreiben.  Als beispielhafte Arbeitsbereiche verweist sie auf Programmevaluationen, Themen des Gender Mainstreamings, Implementationsstudien usw. Externe Berater wurden bei manchen Themen eher auf Akzeptanz treffen als Interne. Bei Beratung sei die Anschlussfähigkeit von Wissen entscheidend. Mit der Personalreduktion in Ministerien würde die Nachfrage nach externer Beratung tendenziell steigen.

Aus der folgenden Diskussion konnte ich mir nur wenige Punkte notieren, weil ich irgendwann die Moderation des Expert/inn/enforums übernehmen musste. Diese wenigen Punkte sind:
- Aus dem Publikum kam die Frage, inwieweit es die Beschäftigung in einem Beratungsinstitut noch zulasse selber zu publizieren. Darauf wurde geantwortet, dass Beratung zwar eigentlich immer die Verschriftlichung von Inhalten bedeute, dass dies aber nicht damit vergleichbar sei, was ein/e promovierende/r Nachwuchswissenschaftler/in unter Publizieren verstehe. Die Stellen in den Beratungsinstituten seien derart fordernd, dass daneben kaum noch Zeit bleibe und "Feierabendforschung" eben auch nicht befriedigend sei und sich auch nicht vernünftig publizieren lasse. Frau Nickel ergänzte aus ihrer Erfahrung, dass das Publizieren insbesondere dann schwierig sei, wenn die EU oder der Bund Auftraggeber sei.
- Die gleiche Fragestellerin stellte noch eine zweite Frage zu dem richtigen Ausstiegszeitpunkt aus der Wissenschaft, wenn frau/man sich nicht vorstellen könne das ganze Arbeitsleben in der Wissenschaft zu bleiben. Darauf wurde ihr geantwortet, dass manche Arbeitgeber der Auffassung seien, dass Personen, die zu lange in der Forschung tätig waren auf eine derartige Freiheit nicht mehr verzichten wollen und vielleicht auch aufgrund des höheren Alters als "nicht mehr formbar" gelten. Habilitierte würden von manchen potentiellen Arbeitgebern dahingehend eingeschätzt, dass sie/er die Stelle als "second best" annehmen und auch ausführen würden und letztlich von ihrem Gegenstand nicht loslassen würden oder könnten.
- Zur Beratung wurde noch gesagt, dass Berater/innen Feedback darüber bekommen müssen, was aus ihrer Beratung geworden ist, denn ansonsten würden sie mittelfristig als Berater/innen wegbrechen.


Fazit
- Die Politik verlangt nach "sozial robustem Wissen".
- Wie immer: Beratung betreibt Komplexitätsreduktion, Wissenschaft Komplexitätserhöhung.
- Sich knapp zu halten (Bierdeckelformat) darf nicht mit einer Verflachung einhergehen.
- Verständnis für Politik und Verwaltung solle man sich praktisch aneignen.
- Als externe/r Berater/in kann es leichter fallen Akzeptanz zu gewinnen, als es Internen fällt.

Vorher noch ein Kurzurlaub

Vor der Tagung in Wien war ich übrigens noch ein paar Tage wandern (von Perchtoldsdorf zum Schneeberg).

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Mit Wanderstöcken Über Wiesen
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Schneeberg noch weit weg Schneeberg schon näher
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Dr. Veit Larmann
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