Promotionskollegsitzung

Luhmann

18. Juni 2009: Bei unserer gestrigen Kollegsitzung "Verantwortliche Hochschule" hatten wir drei Tagesordnungspunkte: Einen Fortschrittsbericht einer Kollegiatin, ein "Blitzlicht" von mir und einen Text zu Luhmanns Perspektive der Organisation.

Über den Fortschrittsbericht der Kollegin möchte ich an dieser Stelle natürlich nichts schreiben. Man sollte niemals die Forschungsergebnisse von anderen noch die eigenen vorschnell im Internet publizieren. Daher schreibe ich auch nichts Inhaltliches zu meinem "Blitzlicht", außer dass ich hier die Funktion dieses Tagungsordnungspunktes erläutere:

Jedes Kollegmitglied stellt im Abstand von einigen Monaten seinen Stand des Promotionsvorhabens vor. Damit wird man als Referent gezwungen, das eigenen Forschungsprojekt in knappe verständliche Zeilen zu pressen und so eine Re-Fokussierung für die eigenen Arbeit zu erreichen. Das ist die erste, pädagogische Wirkung der Projektvorstellung.

Allerdings haben wir nach einer Vorstellung meist noch eine angeregte Diskussion, in der der Referent zahlreiche Hinweise und Tipps bekommt, die er bei seiner Dissertation bedenken könnte oder sollte. Diese Feedback-Diskussion dauert meist 40 bis 60 Minuten. Um zu klären, ob der Referent hierbei auch noch etwas Neues und inhaltlich Relevantes erfährt, wurde nun erstmals ein "Blitzlicht" gemacht.

Dieses "Blitzlicht", das ich eigentlich bislang immer mit "Lessons Learned" verbunden hatte, stellt ich nun als erstes Versuchskaninchen vor. Dazu hatte ich die zahlreichen Tipps in vier Kategorien geordnet und dargestellt, wie sich die Tipps in den zwei Monaten, die seit der Diskussion vergangen waren, konkret in meiner Datenerhebung niedergeschlagen haben. Ich konnte zeigen, dass das Kolleg mir sehr bei der Auswahl der Fälle und Begründung meiner Fallauswahl geholfen hat.

Luhmann-Diskussion

Im dritten Teil der Kollegsitzung ging es dann um Luhmanns Systemtheorie. Hierzu hatte Prof. Matiaske "Organisationen in Luhmanns Systemtheorie" von Wil Martens und Günther Ortmann vorgeschlagen, der durch Mark Ebers und Alfred Kieser in der 6. Aufl. 2006 in "Organisationstheorien" erschienen war. Dieses Buch wurde schon mehrfach von Matiaske als grundlegend empfohlen.

Was aus der Luhmann-Diskussion herauskam:
March und Simon gehen zwar nur noch gelockert von einer "bounded rationality" aus, seien aber letztlich doch noch Rationalisten. Für Luhmann, und auch für die neuere Institutionenökonomik, ist diese Perspektive der Ausgangspunkt. Sowohl die neuere Institutionenökonomik als auch die "bounded rationality" stellen in Frage, dass eine Organisation von der Spitze her steuerbar ist. Um die Steuerung in der Spitze zu verorten, sei das Zustandekommen von Entscheidungen eigentlich zu komplex. Und letztlich seien es auch nicht die Entscheidungen, die die Organisation wirklich steuert.

Luhmann geht noch einen Schritt weiter und verabschiedet sich komplett aus der Handlungstheorie. Martens hatte seinerzeit mal eine Kritik an Luhmann publiziert, auf die Luhmann auch reagiert habe. Martens Kritik sei gewesen, dass Kommunikation auch akzeptiert werden müsse und brachte über dieses Argument den handelnden Akteur wieder in die Theoriediskussion ein. Matiaske empfiehlt zu Luhmann auch mal Werner Krisch zu lesen, der sich sehr ausgiebig an Luhmann abgearbeitet habe.

An dieser Stelle der Kolleg-Diskussion präsentierte Brunkhorst nun seine zwischenzeitlich skizzierte Matrix, anhand derer er Parsons Allgemeine Handlungstheorie (General Theory of Action) erläuterte.

Matiaske verwies im Weiteren auf Hartmut Essers Soziologische Anstöße und dort speziell auf das Kapitel "Der Doppelpass als soziales System", sowie auf Luhmanns Universität als soziale Milieu und dort speziell auf das Kapitel "Wabuwabu in der Universität"

Die Organisation brauche, so Matiaske, nicht nur Zahlungsströme, sondern auch Legitimation - Legitimation, die bspw. Umweltschützer ziemlich schnell beschädigen können. An dieser Stelle verlässt die Ökonomik den Organisationsdiskurs.

Im Weiteren kamen wir auf die Gefahren einer Verbindung von Wirtschaft und Bildung bzw. Universität zu sprechen. Da der binäre Code der Wirtschaft immer Geld sei und der der Wissenschaft immer Wahrheit, sind die Konflikte selbstverständlich. Aber selbst die Universität beinhalte, so Matiaske, bereits schon zwei Formen des binären Codes, denn neben der Forschungsaufgabe mit ihrem wahr/falsch-Code habe die Universität ja auch noch die Lehr-Aufgabe. Und die ist wiederum anders codiert. Das wäre aus Luhmanns Perspektive eigentlich schon gar nicht möglich.

Der Zugriff der Wirtschaft auf die Universität wird für äußerst problematisch gehalten. Die in der Universität nötige Codierung sei nicht mit der Wirtschaft kompatibel, Steuerungsinformationen können nur über systemeigene Codierungen gewonnen werden. Matiaske verweist auf Hayeks Arbeiten zum Sozialismus und den unzureichenden Informationsstand, der im Wirtschaftssystem entstehe, wenn das Geld (der systemeigene Code) keine Informationsfunktion mehr übernehmen könne und ein Macht-System mit einem anderen, ideologischen Code die Steuerung übernehme. So etwas kann dann zum Zusammenbruch führen, wie es bei der Sowjetunion geschehen sei.

Im weiteren haben wir darüber diskutiert, wie Luhmann als zeitgeschichtliches Phänomen einzuordnen sei. Dabei kam heraus, dass Luhmanns Perspektive eine Ideologie der Steuerungsskepsis ist, die dem Neoliberalismus gut gefalle. Luhmann'sche Codes hätten seinerzeit die Talk-Shows dominiert. Seine Arbeiten sind beschreibend, sie bewerten nicht.  Vor dem Hintergrund der derzeitigen Wirtschaftskrise sollten wir uns fragen, wieweit diese Wertfreiheit zur Krise beigetragen habe.

Luhmann sieht in seinen Systembetrachtungen keine Akteure. Da Interessen immer an Akteure gebunden sind, gibt es bei ihm folglich auch keine Interessen.

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Dr. Veit Larmann
info (bei) veit-larmann.de

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