Flensburg

Kollegsitzung zu Theoriekonstruktion

20. Januar 2010: In der Kollegsitzung "Verantwortliche Hochschule" haben wir über Guttmans "What Is Not What" in Theory Construction diskutiert. Guttman ist ein Methodiker, der als Querdenker bekannt ist.

Von ihm kommt die Guttman-Skala. Mit ihr hatte Guttman Gefechtsangst in Stufen abgebildet, wobei der zweiten Angst-Stufe (einnässen) notwendigerweise eine andere Stufe (zittern) vorausgehen muss. Sehr schön dargestellt wird diese Skalierungsform bei Borg & Staufenbiel: Lehrbuch Theorien und Methoden der Skalierung.
Wir diskutierten im Weiteren über Theorien. Nach Volker Müller-Benedict bestimmte eine Theorie als ein System von Hypothesen die logisch miteinander verknüpft sind und von denen mindestens eine testbar ist. Eine Hypothese bestehe aus Begriffsteilen mit einer wenn- und einer dann-Seite. Eine Korrelation brauche eine erklärende Begründung um eine Theorie zu werden.

Guttman lässt sich in seinem Text dem Titel entsprechend breit darüber aus, was nicht zur Theoriekonstruktion gehört, nennt dann aber auch in positiver Weise, was er darunter versteht: Eine Theorie ist eine Hypothese über eine Korrespondenz von einem definitorischem System für ein "universe of observations" und einem Aspekt einer empirischen Struktur für diese Observierungen und beinhaltet eine rationale Begründung für solch eine Hypothese. Im Orginal: "A theory is an hypothesis of a correspondence between a definitional system for a universe of observations and an aspect of the empirical structure of those observations, and includes a rationale for such an hypothesis."

Guttman geht im weiteren auf die Facettentheorie ein, mit deren Hilfe Beobachtungen in Begrifflichkeiten zergliedert werden können um so zu einer höheren konzeptionellen Klarheit zu gelangen. Zur Facettentheorie kann die kurze Einführung von Ingwer Borg: Grundlagen und Ergebnisse der Facettentheorie empfohlen werden.

Am Ende schließt Guttmans Text mit 35 Punkten, die jeweils aufzählen, was nicht zu einer Theoriebildung gehört. Mir haben besonders folgende Punkte gefallen:

Nr. 8: Daten sollen nicht "interpretiert" werden. "Interpretation" sei kein wissenschaftlicher Begriff. Vielmehr gehe es darum, zwischen den empirischen Daten bzw. einzelnen Aspekten ihrer empirischen Struktur und einem definitorischen System eine Korrespondenz herzustellen.

Nr. 10: Bei der Entwicklung von Definitionen müsse immer entsprechende Hypothesen mitbedacht werden. Bei diesem Verfahren kann die Facettentheorie helfen.

Nr. 12: Bibliographien einer Arbeit dürften nicht ausufern: Wenn Wissenschaft kumulativ vorgeht, dann reicht es eigentlich, wenn ein oder zwei Artikel zu einem Themengebiet zitiert werden, denn man sollte davon ausgehen, dass diese die entsprechende Literatur vorher aufgearbeitet haben. Somit hat man in den ein oder zwei Artikeln eigentlich den Forschungsstand enthalten.

Nr. 13: Seine Arbeit selber als "explorativ" zu qualifizieren, die nur erste tentative Aussagen über ein Feld treffen möchte, sei nur der Versuch sich vor kritischen Angriffen zu schützen. Eigentlich sei nämlich jede Forschung explorativ und tentativ und damit ist dieses Adjektiv zur Beschreibung der eigenen Arbeit überflüssig.

Nr. 20: Man sollte nicht versuchen, durch die Verwendung von Synonymen die Lesbarkeit seiner Arbeit zu erleichtern. Begrifflichkeiten sollten in ihrem Kontext sauber definiert werden. Sie durch Synonyme zu ersetzen führe nur zu Missverständnissen.

Nr. 27: Indem man auf das Kopieren von Ergebnissen anderer Forscher verzichtet, hat man nichts gewonnen. Wissenschaftlicher Fortschritt bestehe zum Großteil aus Kopieren und Weiterentwickeln.

Nr. 32: Jede Forschung hat Grenzen der Generalisierbarkeit und hat Beschränkungen. Diese werden zu Beginn erläutert und zeigen, was man erforschen möchte und was nicht. Wenn sich Kritiker mit dem Hinweis zu Wort melden, dass gewisse Bereiche ausgelassen wurden, dann heißt das nur, dass sie eine weitere Facette gerne mit einbezogen gehabt hätten, die sie dann auch gerne selber erforschen können.

Nr. 33: Die Sozialwissenschaften neigen dazu, etablierte Theorien nicht weiterzuentwickeln. In anderen Wissenschaften nehmen Forscher etablierte Theorien und replizieren, testen oder erweitern sie oder finden spezielle Rahmenumstände, unter denen die Theorie angepasst werden müsste. Das dürfte in den Sozialwissenschaften auch öfter passieren.

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Dr. Veit Larmann
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