Kolleg-Sitzung in Flensburg

Gastprofessorin aus Brasilien

19. Januar 2011: Bei dieser Sitzung waren wir eine relativ kleine Gruppe von 7 Promovierenden und 3 Professoren, sowie einer Gastprofessorin aus Brasilien.

Als ersten Programmpunkt hörten wir wieder einen Fortschrittsbericht von einer Kollegiatin, die ihre Diss in diesem Jahr fertigstellen möchte. Anschließend hörten wir eine Blitzrückmeldung einer Kollegiatin, die ihre Diss bereits dieses Frühjahr abgeschlossen haben soll. Nachdem wir uns dann um einige Planungen des Sommersemesters gekümmert hatten (anstehende Tagungen, Sitzungstermine, Workshops), hörten wir den Vortrag von Clarissa Baeta Neves aus Porto Alegre, Brasilen. Prof. Clarissa Baeta Nevesist derzeit Gastprofessorin an der Universität Münster.

Prof. Clarissa Baeta Neves erläuterte in ihrem Vortrag die jüngeren Reformentwicklungen des brasilianischen Hochschulsystems. Während der Militärdiktatur seien öffentliche Universitäten die Eliteuniversitäten gewesen. In den 60er-Jahren hatte die Mittelschicht dann genug Geld sich das Studium an einer Privatuniversität leisten zu können. Katholische Privatuniversitäten hätten einen guten Ruf in der Forschung. Daneben existieren auch große Privatuniversitäten (> 100.000 Studierenden), die sich auf die Bachelor-Studiengänge konzentrieren und keine Forschung betreiben würden.

Studierende hätten gemeinhin wohlhabende Eltern. Auch die Studierenden an öffentlichen Hochschulen seien wohlhabender Herkunft. Die öffentlichen Universitäten seien gebührenfrei, hätten jedoch Aufnahmeprüfungen, die nur bestehen kann, wer zuvor auf eine sehr gute und teure Privatschule gegangen ist.

Um diese Strukturen zu durchbrechen wurden ab 2001 vier verschiedene Modelle des "Affirmative Action" eingeführt:
- Universitäten konnten eine Quote einführen, die den Anteil der Afro-Brasilianer, "Mulattos"  und "Indianer", der an den Universitäten insgesamt 6 Prozent beträgt, jedoch gut 50 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, erhöhen wollte. Es zeigt sich aber bald, dass es schwer ist abzugrenzen, wann jemand welcher Gruppe angehört. Clarissa Baeta Neves nutzte diese Begriffe mit Unwohlsein, wissend, dass Deutsche sich mit ihnen sehr schwer tun würden.
- Universitäten konnten Quoten für jene Studienbewerber einführen, die zuvor auf einer öffentlichen (und somit schlechteren) Schule waren.
- Universitäten konnten Bonuspunkte bei der Aufnahmeprüfung nach sozialen Kriterien vergeben und somit auf eine Quote verzichten.
- Das vierte Modell habe ich wohl nicht notiert…
Heute werde bei den Bewerbungsunterlagen auf Fotos verzichtet, weil es eben schwer ist zu beurteilen, wer welcher Gruppe angehört. Diese Angehörigkeit wird heute per Selbstzuschreibung durch die BewerberInnen vorgenommen. Generell überwiege bei den Zulassungsmodalitäten heute sowieso die Sozialquote.

Derzeit werde in Brasilien jedoch hauptsächlich auf ein anderes Programm Hoffnung gesetzt, das ProUni heiße. Dabei gebe es in jedem Kurs/Seminar etc. jeweils einige freie Plätze "für Arme". Diese bekämen dann ein Stipendium vom Staat und bräuchten keine Aufnahmeprüfung der Universität abzulegen, sondern könnten mit ihrem Schulabschluss ein Studium aufnehmen. Prof. Clarissa Baeta Neves bewertet das Programm ProUni sehr positiv, allerdings sei es vom quantitativen Umfang her noch zu klein.

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Dr. Veit Larmann
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