Kollegsitzung in Flensburg

Ex-Rektor Dunckel zu Besuch

18. April 2012: Zur Vorbereitung auf diese Sitzung hatten wir uns mit Stefan Kühles Soduku-Effekt der Bologna-Reform auseinander gesetzt. Die Sitzung selbst wurde dann aber überwiegend durch den "essayistischen Vortrag" von Heiner Dunckel geprägt. Er reflektierte aus 11 Jahren Erfahrung in der Hochschulleitung die Umsetzung der Bologna-Reform.

Dunckel hält die Bologna-Reform, verglichen mit ihren Zielen, für in Deutschland weitgehend gescheitert. Man sei bspw. weit davon weg die Tradition der Bildungsreisen, wie sie im Mittelalter bestanden habe, durch Bologna wieder aufleben zu lassen. Erfolgreich umgesetzt wurden hingegen die politischen Ziele, d.h. den Aufwuchs von Studienplätzen zu bewerkstelligen und dazu die Studiendauer zu verkürzen. Der Versuch, die Masse der Studierenden mit dem Bachelor "abzufertigen", sei hingegen kaum gelungen.

Eine interessante sprachliche Beobachtung macht Dunckel bei der Begrifflichkeit "ECTS-Punkte": Die Worte "Europa" und "Transfer" seien auch sprachlich auf der Strecke geblieben, stattdessen werden heute nur noch von "Credits" gesprochen. Dies ist in meinen Augen auch ein impliziter Verweis auf die Beobachtung einer zunehmenden "Audit Society" (Michael Power).

In der mit Bologna eingeführten Qualitätssicherung gehe es faktisch gar nicht mehr um Qualität, sondern einzig um die Zertifikate der Akkreditierungsagenturen. Diese Verfahren würden viel Zeit binden, seien sehr teuer und könnten kaum etwas bewirken: Die Gutachter seien in der verfügbaren Zeit kaum in der Lage (und zudem schlecht bezahlt), dass es nicht immer möglich sei, relevante Kollegen des Fachs bzw. der Fächer hierfür zu finden. Die Gutachter, die sich heute für die Akkreditierungsverfahren zur Verfügung stellen, würden verständlicher Weise meist nicht die nötige Zeit für die Vorbereitung investieren (können), um die von der Hochschule vorgelegten Unterlagen durchzuarbeiten. Natürlich, so schränkt Dunckel ein, gebe es immer wieder einzelne engagierte Kollegen, die sich dennoch sehr viel Mühe machten.

Um die Antworten, mit denen die Hochschulen auf die wenig gewinnbringenden Akkreditierungsverfahren reagieren, zu illustrieren, berichtet er (wobei er offen lässt, ob er diese Beobachtung in Flensburg oder an anderen Hochschulen gemacht hat oder ihm nur berichtet wurde) von folgenden Strategien:

- Ausweichen oder Informations-Overload: Entweder man weicht bei schwierigen Fragen aus oder man verspricht, ein Defizit umgehend zu verbessern oder aber man fertigt zu jeder erdenklichen Frage im Vorfeld einen "ganzen Ordner" an, den man in der Diskussion dann jeweils den Gutachtern vorlegen könnte. Dieser sei dann so voll, dass die Gutachter nicht die nötige Zeit aufbringen könnten, der entsprechenden Frage im Detail nachzugehen.

- Zentral für die Akkreditierung ist das Studierendenurteil (und das Urteil der AbsolventInnen): Um hier keine Überraschungen zu erleben, werden Gespräche mit einer Akkreditierungskommission im Vorfeld "regelrecht geübt". Den Studierenden, die von den Gutachtern befragt werden, wird nicht selten im Vorfeld zugesichert, dass ihre Wünsche (z.B. zusätzliche Tutorien) "gerne" erfüllt und bestehende Probleme behoben werden, dass diese dafür aber in der Befragung durch die Gutachter keine Erwähnung finden sollten.
 
- Erfahrungsgemäß sei es so, dass die Gutachter gerne einen kurzen Text haben, den sie innerhalb von ca. 30 Minuten (der Dauer eines Inlandfluges) lesen können. Die weiteren Dokumente müssen so (gut) aufbereitet werden, dass sie möglichst schnell "überflogen" werden können.

Dunckel weist auch darauf hin, dass selbst wenn unter den Gutachtern geschätzte Kollegen vom eigenen Fach sind, es selten zu keinem kollegialen Austausch kommt, da die Kommunikation bestehender Schwächen schnell die Gefahr bringt, dass diese auch dem Ministerium bekannt werden oder gar die Akkreditierung gefährden (was eigentlich nicht passieren darf). Deshalb versucht man die Schwächen möglichst zu verdecken oder in einem günstigen Licht erscheinen zu lassen.

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Dr. Veit Larmann
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